Villa Rasmussen

es war 2015

Thomas, September 2026

Manchmal merkt man erst Jahre später, was man da eigentlich fotografiert hat.

2015 besuchten wir die Rasmussen-Villa oberhalb von Zschopau. Damals war das für uns zunächst einmal ein außergewöhnliches altes Haus. Groß, ziemlich heruntergekommen und etwas versteckt zwischen den Bäumen. Erst durch den damaligen Eigentümer wurde deutlich, wie viel Geschichte tatsächlich in diesem Gebäude steckt.

Die Villa wurde vermutlich 1917 errichtet und war der Wohnsitz von Jørgen Skafte Rasmussen. Und damit sind wir bei einem Namen, der für die Industriegeschichte Zschopaus kaum größer sein könnte. Rasmussen war der Mann hinter DKW. Aus seinen Unternehmungen entwickelte sich in Zschopau eines der bedeutendsten Zentren des deutschen Motorradbaus. Ende der 1920er Jahre galt DKW zeitweise sogar als größter Motorradhersteller der Welt.

Das macht die Villa zu weit mehr als einem repräsentativen Wohnhaus eines wohlhabenden Fabrikanten. Hier wurde gelebt, diskutiert und offenbar auch über Geschäfte gesprochen. Selbst ein Tisch, an dem mutmaßlich wichtige Gespräche im Zusammenhang mit der späteren Auto Union stattfanden, soll im Haus erhalten geblieben sein.

Als wir dort waren, gehörte die Villa dem Fotografen und Journalisten Eike Grübnau. Er hatte das Anwesen erst wenige Jahre zuvor übernommen und beschäftigte sich intensiv mit seiner Geschichte. Gleichzeitig versuchte er, das stark vernachlässigte Grundstück wieder in Ordnung zu bringen und das Gebäude Stück für Stück zu erhalten.

Von ihm hörten wir damals auch Geschichten über die Gäste des Hauses. Und spätestens an dieser Stelle wird es historisch ziemlich interessant. Denn zu den Besuchern soll auch Adolf Hitler gehört haben. Tatsächlich findet sich diese Geschichte nicht nur in der mündlichen Überlieferung: Auch Veröffentlichungen zur Geschichte Rasmussens berichten von einem Besuch Hitlers im Zschopauer DKW-Werk und davon, dass er anschließend in der Villa übernachtete.

Das Verhältnis Rasmussens zum Nationalsozialismus ist dabei komplizierter, als eine solche Episode zunächst vermuten lässt. Rasmussen war kein Mitglied der NSDAP. Zeitweise betrachtete er Hitler offenbar dennoch als politischen Verbündeten für seine wirtschaftlichen Interessen. Später geriet er zunehmend mit den neuen Machtverhältnissen innerhalb der Auto Union in Konflikt und verlor seinen Einfluss auf das Unternehmen, das er maßgeblich mit aufgebaut hatte.

1938 verließ Rasmussen schließlich Zschopau und zog nach Sacrow bei Potsdam. Die Villa blieb zunächst im Besitz der Familie. Sein Sohn Ove lebte nach Kriegsende noch einige Zeit hier, bevor auch er Zschopau verließ.

Danach begann für das Haus eine wechselvolle Geschichte. Eigentümer und Nutzungen änderten sich, und über Jahrzehnte verschlechterte sich der Zustand. Bereits lange bevor wir 2015 dort standen, hatte die Villa ihre besten Zeiten hinter sich.

Gerade deshalb sind meine alten Fotos heute interessanter für mich als damals. Sie zeigen nicht irgendeinen verlassenen Landsitz. Sie zeigen das ehemalige Zuhause eines Mannes, dessen Unternehmen Zschopau zu einem Begriff in der internationalen Motorradgeschichte machte. Und sie zeigen das Gebäude zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt seiner eigenen Geschichte – während ein neuer Eigentümer versuchte, zwischen Verfall, Denkmalschutz und einem ziemlich gewaltigen historischen Erbe einen Weg zu finden.

Die Villa steht übrigens noch immer. Auch 2026 wird sie in der sächsischen Denkmalliste als Kulturdenkmal geführt. Ein Foto aus dem Jahr 2025 zeigt das Gebäude weiterhin zwischen den Bäumen.

Wenn ich heute die Aufnahmen von 2015 wiederfinde, ist genau das für mich der eigentliche Wert dieser alten Touren. Damals fährt man hin, schaut sich um, macht seine Bilder und fährt weiter. Elf Jahre später öffnet man einen alten Ordner auf einer Festplatte – und plötzlich beginnt man noch einmal nachzuforschen.

Und aus einem alten Haus wird eine Geschichte. (Text mit Hilfe von KI erstellt.)